Zeitzeugen zu Besuch

von Christian Balling (Kommentare: 0)

Der heute 79-jährige Klaus-Michael von Keussler grub in den Jahren nach dem Mauerbau mit anderen Studenten der Freien Universität Berlin mehrere Tunnel von West- nach Ost-Berlin. Bei der spektakulärsten dieser Aktionen konnten 57 Flüchtlinge in den Westen gebracht werden, bevor die durch einen Verrat alarmierten ostdeutschen Grenztruppen den Eingang fanden.

Am 6. Juni 2019 berichtete er bei uns von seinem damaligen Abenteuer. Obwohl die Veranstaltung fast drei Schulstunden dauerte, lauschten die drei 11. Klassen gebannt seiner lebendigen Schilderung, bei der er auch einen vom Hausmeister spontan ausgeborgten Zollstock benutzte, um den geringen Querschnitt des 145 Meter langen Tunnels unter der Bernauer Straße zu demonstrieren. Anschauliche Bilder etwa  vom Belüftungssystem aus Konservendosen und dem behelfsmäßigen Lift aus Flaschenzug und Holzbrett unterstützten seinen völlig frei gehaltenen Vortrag.

Sein spannendes und abwechslungsreiches Leben lieferte auch den Stoff für weitere Anekdoten, zum Beispiel wie er im Auftrag der Vereinten Nationen in Äthiopien tätig im britischen Rundfunk vom Mauerfall erfuhr, den Bericht aber für ein Hörspiel hielt. Ein Missverständnis, wie es für die jugendlichen Zuhörer im Zeitalter der Sozialen Medien kaum mehr vorstellbar ist.

Der gelernte Volljurist lebt heute in Erfurt und widmet sein Leben sowohl der Erinnerung an die damaligen Geschehnisse als auch der Betreuung syrischer Flüchtlinge. Als 5-Jähriger mit seiner Mutter von Ostpreußen nach Brandenburg geflohen, nachdem sein Vater bei Minsk gefallen war, prägten Flucht und Vertreibung schon früh sein Leben, daher spricht er auch von seiner Lebensspanne als dem „Jahrhundert der Flüchtlinge“.

Von einem Zuhörer auf seine Verantwortung beim Rechtsbruch – seine Gruppe verstieß damals auch gegen bundesdeutsche Gesetze – vor dem eigenen Gewissen antwortete er: „Das Studium der Rechte erfordert nicht unbedingt den Rechtsgehorsam“. Sichtlich zu schaffen macht ihm allerdings immer noch, dass damals der DDR-Soldat Egon Schultz im Rahmen des Schusswechsels am entdeckten Eingang des Tunnels versehentlich erschossen wurde, auch wenn der tödliche Schuss von einem eigenen Kameraden kam, wie erst nach der Wiedervereinigung und der Öffnung der Archive der Öffentlichkeit bekannt wurde.

 

 

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